Inspiration
11.04.2019

Gründungscoaching richtig nutzen
Was du erwarten kannst, was es bringt und wie du den richtigen Coach findest

In Deutschland existieren eine Vielzahl von Unterstützungsprogrammen, die dich als Gründer*in dazu befähigen sollen, deine Kompetenzen zu entwickeln und dir somit helfen, dein Vorhaben auf eine solide Basis zu stellen. Gründungscoaching ist hierbei ein wichtiger Baustein, wenn du nicht aus dem Management-Bereich kommst oder deine Gründungsidee noch nicht richtig konkret geworden ist. Aber auch gestandenen Manager*innen ermöglicht ein Coaching neue Impulse und die Klärung persönlicher, gründungsrelevanter Themen. 

Zu den Anbietern von Gründungscoachings zählen beispielsweise universitäre Gründungsnetzwerke, selbstständig arbeitende Coaches oder Inkubatoren und Accelerators. Doch obwohl „Gründungscoaching“ so schön über die Lippen geht, wissen die wenigsten inhaltlich damit etwas anzufangen. Zudem sind Coaches in ihren Angeboten sehr vielfältig und Qualitätsanforderungen existieren nicht. Ferner wissen auch die Gründer*innen häufig nicht, was sie vom Gründungscoaching erwarten dürfen. Aus diesem Grund wird hier ein Überblick über die wichtigsten Funktionen des Gründungscoachings gegeben. 

Was kann ich von einem Gründungscoaching erwarten?

Im Gründungscoaching bekommst du die Unterstützung in Form einer Begleitung durch eine erfahrene Person, um aus deiner Unternehmensidee eine tragfähige Unternehmung zu machen. Grundsätzlich besteht sein Ziel darin, dich als Gründer*in dazu zu befähigen, selbstständig fundierte unternehmerische Entscheidungen zu treffen und dein Unternehmen aufzubauen. Deshalb unterscheidet sich Gründungscoaching formal von der Beratung, bei der eine andere Person konkrete (standardisierte) Handlungsschritte für dich abarbeitet und dem Mentoring, bei dem dir eine erfahrene Person mit Empfehlungen und Rat zur Seite steht. Gründungscoaching ist so individuell und maßgeschneidert in der Durchführung, wie du und deine Unternehmensidee es sind.

Daraus entstehen sehr hohe Anforderungen an das Können der Coaches, was bei der Auswahl herausfordernd sein kann. Denn nicht alle Coaches kennen sich gleichermaßen mit den unterschiedlichen Branchen aus oder können alle Unternehmensbereiche gut abdecken. Manche Anbieter*innen unterschieden zudem auch zwischen Vorgründungscoaching, das die Ideenfindung und -Entwicklung miteinbezieht und das Gründungscoaching, welches bereits an der vorhandenen Idee ansetzt.

Im Gründungscoaching kommen je nach Fragestellung unterschiedliche Methoden und Prozesse zum Einsatz, die von dem konkreten Coachinganliegen abhängig sind. Je nachdem, ob hierbei persönlichkeitsbezogene Themen besprochen werden, wie zum Beispiel Arbeitsorganisation, Motivationshürden oder Verhandlungstechniken oder eher konkrete Umsetzungsschritte vorbereitet werden sollen, wählen die Coaches die zu dir und dem Thema passende Methode aus. Möglich sind, wie auch im klassischen Coaching, Rollenspiele und Simulationen, aber auch auf Grundlagen wie das Erlernen der Liquiditätsplanung im Rahmen eines Workshops kann zurückgegriffen werden.

Im Verlauf des Coachingprozesses kann es zu einer Entwicklung der Beziehung zwischen Coaches und Gründenden kommen. Einige Coaches gaben hierbei im Verlauf an, dass sich enge Beziehungen, ähnlich von Freundschaften entwickeln, die auch oft weit nach Ende des Coachings weiterbestehen. Voraussetzung dafür ist, dass die Chemie zwischen beiden Parteien stimmt und die Beziehung auf gemeinsam anerkannten Werten wie Vertrauen, Zuverlässigkeit und Professionalität beruht.

Zwei Frauen im Gespräch

Wie läuft ein Gründungscoaching ab?

Bevor du richtig in das Coaching einsteigst, gibt es in der Regel die Möglichkeit eines kostenlosen Erstgespräches. Darin hören sich die Coaches dein Thema, deine Unternehmensidee und deine Herausforderungen an. Danach wird entschieden, ob auf der Coachingseite die passenden Fähigkeiten vorliegen, um dich in deinem Anliegen zu unterstützen. Du wiederum entscheidest, ob die Coachingperson zu dir passt. Hierbei solltest du folgendes beachten:

  • Wie wirkt die Coachingperson auf dich? Kompetent, ausweichend, ablehnend, unterstützend?
  • Wird auf deine Fragen eingegangen?
  • Schlägt er dir bereits konkrete Lösungsansätze vor oder fragt er dich, was du brauchst, um dein Ziel zu erreichen?

Der Chemie-Check

Im ersten Punkt geht es um die Frage, ob die Chemie zwischen dir und der Coachingperson passt. Stimmt die Chemie nicht, wirkt sich dies auf das Vertrauensverhältnis und somit den gesamten Coachingprozess aus. Die zweite Frage bezieht sich auf das Vermögen, dir zuzuhören und eine Problemanalyse durchzuführen. Ist dies nicht der Fall, könnte es sein, dass man dir eher standardisierte Lösungen „verkaufen“ will. Die dritte Frage bezieht sich auf die Kompetenzen im Coaching. Bei dieser Frage handelt es sich um eine klassische Coachingfrage. Vergiss nicht, du willst dein Ziel erreichen und nicht einfach ein Produkt kaufen. Deswegen sollte das Coaching auch ein individueller Prozess sein.

Der Coaching-Fahrplan

Passt ihr zusammen, wird meistens ein konkreter Coachingfahrplan erarbeitet, in dem Einzelschritte zur Erreichung deines selbstgesteckten Ziels notiert werden. Dies kann schonmal eine Weile in Anspruch nehmen, denn: Eine Lösung ist nur so gut, wie die Analyse des Problems. Da das Ziel des Gründungscoachings die Kompetenzvermittlung ist, gibt es keinen pauschalen Ablauf. Gemeinsam mit der Coachingperson strukturierst du den Ablauf des Gründungscoachings. Dabei fokussiert ihr euch gemeinsam auf die wichtigsten Themen. Diese werden Schritt für Schritt abgearbeitet. Manchmal kommt es auch vor, dass im Verlauf neue, bereits noch nicht entdecke Themen auftauchen, die quasi unter der Oberfläche brodelten. Dann muss gemeinsam entschieden werden, inwiefern es Sinn macht, sich auch mit diesem Thema zu beschäftigen. Anschließend muss der Fahrplan gegebenenfalls angepasst werden. Häufig wechseln die Aktivitäten im Verlauf des Coachings zwischen Lernphasen, Anwendungsphasen und Phasen der Reflexion.

Am Ende des Coachings wird dann idealerweise abschließend reflektiert, welche Themen gut gelöst wurden, bei welchen Problemen nachjustiert werden muss und welche offen geblieben sind. Diese können dann entweder allein durch den/die Gründer*in oder gemeinsam in Nachbesprechungen thematisiert werden.

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Die Aufgaben der coachenden Person

Die Coaches können während des Gründungscoachings folgende Funktionen übernehmen, indem sie den Prozess überwachen, steuern und auf die erforderlichen Aufgaben ausrichten:

  • Strukturierungsfunktion: Wie bereits angesprochen, ist es leicht, angesichts der vielfältigen Aufgaben den Überblick zu verlieren. Deshalb haben die Coaches eine Strukturierungsfunktion im Gründungscoaching, d.h. es wird a) der Coachingprozess an sich auf der Meta-Ebene organisiert, aber auch b) der Lernprozess der Gründenden, indem Wissens- und Kompetenzlücken systematisch identifiziert und geschlossen und c) Gedankenprozesse und unternehmerische Aktivitäten im Rahmen der Gründung in regelmäßigen Sitzungen gestaltet werden.
  • Transferfunktion: Hier nehmen Coaches die Rolle als Wissensvermittler ein und unterstützen dich dabei, notwendige Fähigkeiten oder Kompetenzen zu erlernen.
  • Motivationsfunktion: Diese Funktion dient dir nicht nur in Krisensituationen als Hilfe. Das Gründen eines Unternehmens ist in vielerlei Hinsicht durch zahlreiche Anforderungen an die Gründerperson geprägt, welche durch die Vielzahl an zu bewältigenden Aufgaben gerade bei Einzelgründungen ein hohes Stressniveau nach sich ziehen. Da hilft es, wenn eine externe, neutrale Person durch ihr Nachfragen Interesse zeigt oder in Seitengesprächen Mitgefühl vermittelt. „Sharing is caring“.
  • Netzwerkfunktion: In dieser Funktion wird die Rolle eines Netzwerkknotens eingenommen. So engagieren sich manche der befragten Coaches an der Organisation von Stammtischen oder anderen Events und fördern darüber die Vernetzung ihrer Schützlinge. Dies ermöglicht es dir, potenzielle neue Kontakte hinsichtlich möglicher Investoren oder Kunden herzustellen.
  • Reflexionsfunktion: Diese Funktion zählt zu den zentralen Funktionen im Gründungscoaching, der die größte Bedeutung beigemessen werden kann. Hier fungiert die Coachingperson als Sparringspartner und Spiegel für die Ideen und Aktivitäten der Gründenden. Mit gezielten Nachfragen oder systemischen Fragen können so Wissenslücken und Probleme identifiziert werden und die Gründenden lernen darüber hinaus selbstständig, über den Gründungsprozess zu reflektieren. In diesem Zusammenhang gibt die coachende Person Feedback oder kann dich auch mal mit provokativen Fragen herausfordern. Manche sprechen sogar von der Veränderung des „Mindsets“ - der Veränderung der Art zu denken, indem Haltungen, Einstellungen und Herangehensweisen mittels Fragen hinterfragt werden, z.B. in dem die Herangehensweise an die Unternehmensgründung an sich hinterfragt wird. So kann eine Veränderung des Mindsets von der „konventionellen Gründung“ (ich entwickle eine Idee und dann gründe ich, wenn sie ausgereift ist) zum „Lean Entrepreneurship“ (Gründung als Experimentierfeld mittels Trial and Error) erreicht werden.

Aus diesen Funktionen ergeben sich neben dem Vorhandensein betriebswirtschaftlicher Kenntnisse und Erfahrungen im Gründungsprozess auf der inhaltlichen Ebene auch zahlreiche Anforderungen an die Coachingpersonen hinsichtlich des Coachingprozesses: z.B. über diagnostische Kompetenzen zu verfügen, (Selbst-)Reflexionsvermögen hinsichtlich des Coachingprozesses sowie ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten wie Zuhören und Nachfragen zu besitzen.

Wie finde ich die richtige Coachingperson?

Im Coaching ist die Kompetenz ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die coachende Person begleitet dich und deine Unternehmensidee in der Regel mittelfristig und unterstützt dich beim Aufbau mit bedarfsgerechten Angeboten. Teilweise gehen diese Interventionen auch auf die persönliche Ebene, weshalb es wichtig ist, dass die Chemie zwischen euch stimmt. Wie in einem klassischen Coaching ist die Währung in den Sitzungen das Vertrauen, das zwischen euch herrscht.

Wie bereits angedeutet, stellt ein Gründungscoaching hohe Anforderungen an das Wissen und Können. Zum einen müssen die coachenden Personen sich auf dein Anliegen einstellen und den Coachingprozess gestalten. Entgegen einem klassischen Coaching wird hierfür aber auch Fachwissen in Bezug auf die unterschiedlichen Unternehmensbereiche sowie Erfahrung am Markt benötigt. Sie sollten daher eine gewisse Arbeitserfahrung mitbringen und zu deiner Unternehmensidee passen.

Häufig gibt es im Netzwerk Gründende, die auch ein Coaching in Anspruch genommen haben, und dann bestimmte Coaches weiterempfehlen. Wenn du niemanden kennst, gibt es aber auch Datenbanken, in denen sich entsprechende Fachleute listen lassen. Tatsächlich ist die persönliche Empfehlung Recherchen zufolge die häufigste Form, Coachingpersonen zu finden. Denn ein guter Leumund wiegt mehr als eine Datenbank im Internet.

Wie finanziere ich das Gründungscoaching?

Gründungscoaching ist gerade, wenn die Kasse knapp ist, nicht einfach selbst zu finanzieren. Dennoch: besonders am Anfang einer Gründung, wenn viele Dinge zu tun sind, kann sich ein Coaching lohnen, um den Überblick zu behalten. Deshalb gibt es bei der Bundesregierung spezielle Programme, mit denen du dein Coaching teilweise finanzieren kannst oder die im Rahmen eines Gründungsstipendiums durchgeführt werden. Aber auch an Hochschulen und Universitäten gibt es mittlerweile viele Angebote zum Thema Unternehmensgründung, und Gründungscoaching ist eines davon. Hier werden die Kosten meist durch die Einrichtungen in Verbindung mit speziellen Projektförderungen (vor allem EXIST) finanziert. Ein Beispiel für gefördertes Gründungscoaching ist das Förderprogramm "Förderung unternehmerischen Know-hows".

Fazit Gründungscoaching

Gründungscoaching stellt eine gute Möglichkeit dar, deine Kompetenzen als Gründer*in und Unternehmer*in gezielt weiterzuentwickeln und persönliche Herausforderungen zu meistern. Bei der Auswahl der Coachingpersonen gilt es jedoch einiges zu beachten. Neben der fachlichen Kompetenz ist auch die persönliche Eignung im Hinblick auf dein individuelles Anliegen wichtig. Nicht zuletzt sollte zudem die Chemie zwischen euch passen. Bei diesen Fachleuten kannst du meist von kompetenter Unterstützung ausgehen, jedoch sollte auch die Vorerfahrung in Bezug auf die Unternehmensgründung bei der Suche und Auswahl berücksichtigt werden. Erfahrene Coachingpersonen strukturieren den Prozess deiner Unternehmensgründung, vermitteln Wissen und Kompetenzen und helfen dir, gezielt die Schritte zu reflektieren. Zudem können sie dir bei Schwierigkeiten und Durststrecken motivierend beiseite stehen. Deshalb haben manche Gründungscoaches auch eine klassische (systemische) Coachingsausbildung. Hör bei der Auswahl also einerseits auf dein Bauchgefühl und versuche dieses andererseits mit gezielten Fragen zu reflektieren.


Dr. Anja Hagedorn

Die Betriebswirtin Dr. Anja Hagedorn promovierte 2017 an der HHL Leipzig Graduate School of Management am Lehrstuhl für Innovationsmanagement und Entrepreneurship. Neben ihrer selbstständigen Tätigkeit als Dozentin und Projektmanagerin coacht und trainiert sie derzeit Gründer*innen und Nachwuchsforscher*innen.

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