Geschäftsidee
18.07.2019 | Dr. Jan Evers

Mehr Startups als Keilriemen gesellschaftlichen Fortschritts

Wir sprechen mit ihm über seine wichtigsten Thesen: Prof. Dr. Günter Faltin, Jahrgang 1944, Autor des Bestsellers Kopf schlägt Kapital. Prof. Dr. Faltin baute den Arbeitsbereich Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin auf. Vor 30 Jahren gründete er die Teekampagne – eine Erfolgsgeschichte – und begleitet heute als Business Angel Gründer*innen von Unternehmen.
2001 gründete er die Stiftung Entrepreneurship, die den jährlichen Entrepreneurship Summit in Berlin veranstaltet. 2010 verlieh der Bundespräsident ihm als Pionier des Entrepreneurship-Gedankens den Bundesverdienstorden.

Günter Faltin

Günter Faltin - Fotocredits: Stiftung Entrepreneurship

Herr Faltin, Kopf schlägt Kapital ist eines der erfolgreichsten Bücher zum Thema Entrepreneurship in Deutschland. Ihr Werk hat sich bis zum Zeitpunkt dieses Interviews fast 200.000-mal verkauft. Was war damals der Anlass, es zu schreiben?

Als ich 2008 das Buch schrieb, dominierte in Deutschland die Vorstellung, Gründer*innen bräuchten vor allem Kapital und umfangreiches finanztechnisches Wissen. Diese beiden Punkte galten als unverzichtbar im Gründungsprozess. Gründer*innen konzentrierten sich also auf die Kapitalbeschaffung und verbrachten viel Zeit in Kursen zu all den finanztechnischen und juristischen Themen, die mit selbstständiger Tätigkeit verbunden sind. Und sind trotz aller Bemühungen mehrheitlich gescheitert: 80 Prozent der Gründungen existieren bekanntlich nach fünf Jahren nicht mehr. Warum sind sie gescheitert? Weil sie das unternehmerische Konzept zu wenig im Blick hatten.
Mit Kopf schlägt Kapital wollte ich diese Arbeit am Konzept in den Fokus rücken. Ich wollte dazu beitragen, dass Gründer*innen nicht unnötig abgeschreckt werden und gleichzeitig besser vorbereitet in die Selbstständigkeit starten.

Aber Kapital und betriebswirtschaftliches Wissen sind doch wichtig, wenn man sich selbstständig machen möchte. Sehen Sie das nicht so?

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn Gründer*innen das notwendige Wissen in allen relevanten finanztechnischen und juristischen Fragen hätten. Das Problem ist, dass das heute faktisch nicht mehr zu leisten ist. Schon der quantitative Umfang erschlägt die meisten Selbstständigen. Schauen Sie sich allein die rechtliche Seite an: Da geht es um Vertragsrecht, Arbeitsrecht, Steuerrecht und noch eine ganze Reihe weiterer juristischer Fachgebiete. Jeden Tag gibt es neue Ausführungsbestimmungen und Verordnungen. Wie soll man da den Durchblick behalten?
Mir ist wichtig, dass Gründer*innen von dem überzogenen Anspruch befreit werden, sich in allen Bereichen der Unternehmensverwaltung kompetent verhalten zu können.
Selbst wenn es gelänge, das Überblickswissen zu vermitteln, geht es in der Praxis doch fast immer um Entscheidungen, die die volle Kompetenz und einschlägiges, detailliertes Fachwissen benötigen. Schon deswegen muss man delegieren und an Fachleute abgeben. Die Zeit und Kraft, die ich damit spare, kann ich besser in Aufgaben wie die Gewinnung von Kundschaft und die Verbesserung des eigenen Angebots stecken. Also die Verwaltungsdinge abgeben, um mehr Zeit für die Führungsaufgaben zu gewinnen.
Das Unternehmenskonzept, mit dem ich antrete, muss so gut sein, dass es die Marge erwirtschaftet, mir die Verwaltung vom Hals halten zu können. Damit können wir Existenzgründung und Selbstständigkeit noch ein ganzes Stück attraktiver machen.

Das Prinzip Arbeitsteilung ist ja längst in allen gesellschaftlichen Bereichen gängige Praxis. Warum sollte es ausgerechnet beim Gründen keine Geltung haben?

Und wie sieht es mit dem Engpass Kapital aus?

Man kann heute oft ohne fremdes Kapital ein Unternehmen gründen. Das haben wir damals mit der Teekampagne gezeigt, die bis heute Marktführerin im Teeversandhandel ist. Auch im legendären Silicon Valley werden im Übrigen 70 Prozent aller Gründungen mit eigenen Ersparnissen und der Unterstützung vom Freundeskreis und der Familie finanziert – darüber spricht nur keiner.

Der einseitige Blick auf Kapital und Unternehmensverwaltung führt dazu, dass man das Wichtigste vernachlässigt: das Gründungskonzept. Einfälle gibt es viele, aber gute, praxistaugliche Konzepte sind rar. Ich sage den Gründer*innen immer: Arbeitet solange an eurem Konzept, bis ihr mit klar erkennbaren Wettbewerbsvorteilen antreten könnt. Und macht euch das Leben leichter, indem ihr arbeitsteilig vorgeht, also delegiert und Komponenten heranzieht.
Das ist die Kernaussage von Kopf schlägt Kapital: Gründet mit starkem Konzept und arbeitet mit professionellen Komponenten.

80 Prozent der Gründungen existieren bekanntlich nach fünf Jahren nicht mehr. Warum sind sie gescheitert? Weil sie das unternehmerische Konzept zu wenig im Blick hatten.

Sie plädieren dafür, ein Unternehmen lieber mit Eigenkapital wachsen zu lassen, als sich große Mengen Fremdkapital zu beschaffen. Aber was ist so schlecht daran, wenn sich Startups finanzstarke Geschäftspartner*innen ins Boot holen?

In der Regel haben Investoren andere Interessen als die Gründer*innen. Sie wollen kurzfristig Rendite sehen, urteilen bei Richtungsentscheidungen aus einem anderen Erfahrungshintergrund. Viele junge Leute sind natürlich erst mal begeistert, wenn ein Investor ihnen Millionen verspricht. Wie hart die damit verbundenen Vertragsbedingungen sind, merken sie erst, wenn sie die vereinbarten Meilensteine nicht erreichen. Dann wird mit harten Bandagen und rechtlichen Mitteln gekämpft – unter Umständen geht das so weit, dass Gründer*innen aus dem eigenen Laden fliegen.
Beim sogenannten Bootstrapping, also dem Verzicht auf externe Finanzierung, kann das nicht passieren. Wer sein Unternehmen Schritt für Schritt aufbaut und langsam wachsen lässt, behält jederzeit die Kontrolle über die eigene Gründung.

Die meisten Gründungen setzen hierzulande ja nicht auf Risikokapital, sondern auf Bankenkredite und öffentliche Förderdarlehen. Ist auch dagegen etwas einzuwenden?

Dagegen ist nichts einzuwenden, aber man sollte bedenken, dass es einige Zeit und Aufwand an Bürokratie kostet, einen Bankkredit zu bekommen. Das gilt ganz besonders auch für Fördermaßnahmen. Natürlich will niemand Bürokratie, auch nicht die Vergabestellen, aber die Rechenschaftspflicht von Banken und Institutionen bringt den Aufwand zwangsläufig mit sich. Es ist also durchaus überlegenswert, ob man nicht mit dem gleichen Aufwand an anderer Stelle mehr erreichen kann - also versucht, die Ausgaben so gering wie möglich zu halten und erst dann voll investiert, wenn sich das eigene Konzept auch als wirklich praxistauglich erwiesen hat.

Ich habe oft beobachtet, dass kapitalintensive Gründungen keineswegs erfolgreicher sind, als solche, die mit wenig Mitteln ausgestattet sind. Denn sobald die Finanzierung steht, neigen viele Gründer*innen dazu, die meist viel zu optimistischen Prognosen in ihrem Businessplan für bare Münze zu nehmen. Sie stecken das gesamte Kapital in die Umsetzung und vergessen darüber, dass ein Businessplan lediglich ein Bündel von Annahmen ist, die sich als richtig oder falsch erweisen können. Etwa, ob das Produkt oder die Dienstleistung ausreichend nachgefragt wird, ob der Preis akzeptiert wird, ob der gewählte Vertriebsweg geeignet ist. Alles auf die Annahmen im Businessplan zu setzen, ist deshalb riskant.

Besser ist es, erst einmal zu testen, ob diese Annahmen denn auch wirklich zutreffen. Ein frühzeitiger Proof of Concept ist also notwendig: Man bleibt flexibel, weil man den Kurs noch korrigieren und das Konzept an die Realität anpassen kann. Die Idee des Lean Startups, die immer mehr Verbreitung findet, macht sich diesen Gedanken zunutze. Steht am Anfang dagegen eine Menge Geld zur Verfügung, verleitet das leicht zu einem zu raschen Vorgehen.

Der Startup-Hype ist ja ungebrochen und viele junge Leute erwägen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Ich sehe das sehr positiv. Während früher Absolvent*innen am liebsten ins Management, Investmentbanking oder zur Unternehmensberatung gehen wollten, möchten sie heute ihr eigenes Startup gründen. Immer mehr Studierende haben diese Alternative auf dem Radar. Das ist großartig.

Tanja hat bereits während des Studiums gegründet. In diesem Video erzählt sie davon:

Welchen Beitrag könnte die Gründungsförderung Ihrer Meinung nach leisten, um diesen Trend weiter zu stärken?

Den Reiz des Gründens betonen. Also die Chance, etwas zu finden, das auch zur eigenen Person passt, nicht nur zum Markt. Selbst gestalten zu können, statt in Vorschriften und Formalien zu ersticken. Vor allem den eigenen Arbeitsbereich so zu gestalten, dass man möglichst viele Dinge tut, die man gerne und gut erledigt, und anderes, was einem schwerfällt, abgibt – ein entscheidender Vorteil gegenüber den Tätigkeiten angestellter Personen, die solche Gestaltungsmöglichkeiten selten zulassen.

Wünschenswert wäre, wenn wir in Europa einen anderen Umgang mit dem Scheitern entwickeln würden. In den USA ist Scheitern ein ganz normaler Teil des Berufswegs. Dort heißt es dann, okay, da wurde etwas ausprobiert, es hat nicht geklappt, aber die Person hat viel dabei gelernt. Bei uns ist das leider anders. Hier ist ein Konkurs immer noch eine schwere Belastung, die Narben hinterlässt. Ich kann auch nicht erkennen, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern würde. Daher müssen wir unseren Gründer*innen in diesem Punkt dringend zur Vorsicht raten.

Ihren Appell zu mehr Vorsicht würden sicher auch viele Kammern und Gründungsförderer unterschreiben, ohne jedoch das Gleiche zu meinen, wie Sie. Könnten Sie uns erklären, was Sie unter Vorsicht verstehen?

Es geht mir nicht darum, jemanden zu entmutigen oder auszubremsen. Ich meine mit Vorsicht, dass man nicht alles auf eine Karte setzen sollte. Mein Rat an Gründer*innen: Prüft eure Annahmen. Ist eure Idee wirklich so gut, wie ihr glaubt? Findet ihr Käufer? Geht so früh wie möglich raus und testet, testet, testet, bevor ihr ins volle Risiko geht. Das ist vor allem wichtig, wenn ihr mit eurer Idee etwas Neues ausprobiert.

Jetzt bist du an der Reihe!
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Jetzt haben sie mit David gegen Goliath ein neues Buch aufgelegt. Worum geht es darin?

Kopf schlägt Kapital habe ich geschrieben, um Gründer*innen Mut zu machen, sich aus den Konventionen der Vergangenheit zu lösen. Selbstständigkeit nicht in der Art zu leben, „alles selber zu machen und das ständig“, wie es das Bonmot so treffend beschreibt. Das Ziel war, die Arbeit am Konzept in den Vordergrund zu rücken und durch Komponenten das Gründen zu erleichtern.
In meinem neuen Buch geht es um die Frage: Was können Gründer*innen dazu beitragen, die drängenden Probleme unserer Zeit zu lösen? Seit Generationen haben wir uns an unser Wirtschaftswachstum gewöhnt und es liebgewonnen. Aufforderungen zu weniger Wachstum und zu geringerem Ressourcenverbrauch sind alles andere als populär. Dabei wissen wir, dass wir so nicht weitermachen können. Wir leben über unsere Verhältnisse – ökonomisch, ökologisch und sozial.
Hier können Gründer*innen wichtige Impulse setzen. Wir brauchen mehr kreative Ideen, die zeigen, wie man Verzicht attraktiv machen kann. Ein Beispiel dafür ist Carsharing: Seit ich kein eigenes Auto mehr besitze, bin ich entlastet. Wenn ich einen Wagen brauche, miete ich einen, muss mich um Versicherungen, Stellplatz oder Reparaturen nicht mehr kümmern. So kann Konsumverzicht aussehen, der sich überhaupt nicht nach Verzicht anfühlt. Im Gegenteil.

Klimaschutz, Nachhaltigkeit – das sind fundamentale Sichtachsen, die alle Gründer*innen an die eigene Geschäftsidee anlegen sollten, wenn diese auf der Höhe der Zeit sein soll.

Schau dir an, was Marie zur Gründung eines verpackungsfreien Ladens bewegt hat:

Ist in Sachen Klimaschutz nicht vor allem die Politik gefragt?

Klar, aber da tat sich in der Vergangenheit zu wenig. Der Politik sind in vielen Punkten die Hände gebunden. In der Politik brauche ich Mehrheiten, um Alternativen aufzuzeigen. Das brauche ich bei einer Gründung nicht. Da reicht es aus, genügend Kundschaft zu gewinnen, um meine Alternative sinnlich erfahrbar zu machen.
Die treibende, verändernde Kraft unserer Zeit ist die Wirtschaft. Wer etwas verändern möchte, muss hier ansetzen.

Warum sehen Sie ausgerechnet in der Gründungsszene eine treibende Kraft für Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt?

Viele Gründer*innen treibt die Leidenschaft für ihr Produkt oder ihre Dienstleistung. Sie brennen dafür, sich mit ihrem Konzept durchsetzen zu können. Mit neuen Technologien, mit höherer Qualität, mit nachhaltigeren Ansätzen. Das müssen wir unterstützen.
Die Welt braucht eine neue Ökonomie und Gründer*innen können Keilriemen des gesellschaftlichen Fortschritts sein. Eines Fortschritts, der soziale und ökologische Werte integriert. Da sehe ich die Gründer*innen vorn. Weil sie sensibler sind für die drängenden Probleme unserer Zeit und neue, kreative Wege aufzeigen, wie wir diese lösen können.
Wenn wir das schöpferische Potenzial unserer Gesellschaft voll nutzen wollen, brauchen wir einen breiteren Zugang zum Gründen.

Welche Art von Konzepten brauchen wir?

Wir brauchen Konzepte, die nicht ständig neue Bedürfnisse herauskitzeln, sondern die vorhandenen Bedürfnisse der Menschen besser befriedigen. Geschäftsmodelle, die das ignorieren, passen nicht mehr in unsere Zeit. Das bedeutet zum Beispiel, dass ökologische Aspekte wie Haltbarkeit, Reparaturfähigkeit und Ressourcenverbrauch in den Vordergrund rücken. Die Wiederversöhnung mit der Natur wird zu einem wichtigen Thema der Zukunft werden.

Wir brauchen Konzepte, die nicht ständig neue Bedürfnisse herauskitzeln, sondern die vorhandenen Bedürfnisse der Menschen besser befriedigen.

Was kann die Gründungsförderung tun, um die sozialen und ökologischen Davids im Kampf gegen die Goliaths zu unterstützen?

Es wird Zeit, dass gerade auch diese Gründer*innen nicht länger als naive Spinner*innen belächelt werden. Wir müssen erkennen, dass sie mit ihren Ideen zu Innovation und Fortschritt beitragen. Ökologische und soziale Aspekte sind im Grunde keine Kosten, sondern ein Teil der Rendite.
Auch in anderen Gesellschaften wird das Umweltbewusstsein zunehmen. Das ist eine Chance für uns. Wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit sichern wollen, brauchen wir auch solche Ideen in der Wirtschaft.

Welchen Beitrag kann die Gründerplattform zu dieser Entwicklung leisten?

Es ist gut, dass die Gründerplattform moderne Ideen der Entrepreneurship-Forschung für die breite Masse der Gründungswilligen nutzbar macht. Ich freue mich, dass auf der Plattform der Businessplan als ein dynamisches Planungsinstrument gesehen wird, das auf theoretischen Annahmen basiert, die in der Praxis getestet werden müssen – und nicht als unverrückbares Dokument.

Wenn es der Gründerplattform gelingt, dieses Verständnis in der breiten Masse zu verankern, und wenn auch ganz normale Durchschnittsgründer*innen dazu angeregt werden, ihre Geschäftsideen aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und neue Lösungen zu entwickeln, dann ist sehr viel gewonnen.

Herr Faltin, vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit.

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bhp