19.03.2020

Gründen in den Zeiten der Corona-Krise
Was jetzt ansteht und was die Krise für euer Geschäftsmodell bedeutet – ein Interview mit unserem Geschäftsmodellexperten Patrick Stähler

Die Corona-Pandemie stellt unser Leben auf den Kopf. Was gestern noch unmöglich schien, ist heute Realität (Schließung aller Schulen und der nicht lebensnotwendigen Geschäfte! Teils sogar schon Ausgangssperren und Grenzschließungen in der EU!).
Und keiner weiß, was morgen sein wird. In dieser Situation werden alle Pläne hinfällig, die wir uns vor der Krise gemacht haben. Das ist auch und ganz besonders für Menschen ein Problem, die gerade in der Gründung stecken.
Wir haben mit Patrick Stähler, unserem Gründungs- und Geschäftsmodellexperten, gesprochen, was er Gründer*innen in diesen Tagen rät.

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Foto: Patrick Stähler

Hallo Patrick, danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Auf uns alle kommen plötzlich Herausforderungen zu, von denen wir bis vor Kurzem noch nichts ahnten. Was rätst du den Menschen, die kurz vor ihrer Gründung stehen oder sogar schon gegründet haben?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir nicht den Kopf verlieren, sondern der Krise möglichst gelassen und rational begegnen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir krampfhaft an unseren Gewohnheiten festhalten sollten. Im Gegenteil. Jetzt ist die Zeit, sich von allen Plänen zu verabschieden und neue Gewohnheiten zu lernen!

Wir alle müssen uns bewusst machen, worum es geht. Wir befinden uns in einer Notfallsituation. Hauptaufgabe ist es, sich selbst und andere vor dem Virus zu schützen, um dessen Ausbreitung zu verlangsamen und unsere Gesundheitssysteme zu entlasten. Das ist unsere gesellschaftliche Verantwortung und die sollte an erster Stelle stehen!

Was sind deine Tipps für Gründer*innen in dieser Situation?

Wir wissen nicht, wie lange die Krisensituation andauert, aber wir sollten uns darauf einstellen, dass es noch einige Monate dauern kann, ehe das Alltagsleben sich normalisiert. Was in dieser Zeit hilft, ist eine klare Prioritätenliste: In der ersten Phase, in der wir uns jetzt befinden, geht es darum, sich zu organisieren. Viele müssen sich ja erstmal Gedanken um die Kinderbetreuung machen, sich vielleicht einen Arbeitsplatz im Home-Office einrichten, Einkaufsdienste für die Eltern oder für ältere Nachbarn organisieren und dergleichen. Erst wenn diese Dinge geregelt sind, können wir uns in Ruhe Gedanken um unser Business machen.

Wer schon gegründet hat, steht vor dem Problem, dass er oder sie unter Umständen von einem Tag auf den anderen massive Umsatzeinbußen hat. Was können diese Menschen jetzt tun?

Sobald der Alltag geregelt ist, geht es ums Geld, sprich Liquidität. Macht euch einen Liquiditätsplan für mindestens sechs Monate bzw. passt euren Liquiditätsplan an die neue Situation an. Bezahlt keine Rechnungen mehr, die ihr nicht unbedingt bezahlen müsst und versucht, dass diese gestundet werden. Vor allem andere Selbstständige und Kleinunternehmen solltet ihr aber nach Möglichkeit nicht hängen lassen. Bei großen Unternehmen, dem Staat und Sozialversicherungen sieht die Sache schon anders aus. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, hohe Steuervorauszahlungen weiterlaufen zu lassen, die auf gänzlich anderen Umsatzerwartungen beruhen. Fragt nach, ob ihr gewisse Zahlungen gestundet bekommt.

Du rätst unserer Leserschaft ernsthaft, ihre Rechnungen nicht mehr zu bezahlen?

Wenn es nicht anders geht, dann ja. Sprecht mit allen euren Gläubigern, vom Finanzamt über die Hausbank bis zur Krankenkasse, und sucht gemeinsam nach einer Lösung. Auch eure/euren Vermieter*in eurer Geschäftsliegenschaft solltet ihr anrufen und über Mietstundungen sprechen. Eigentlich solltet ihr da auf offene Ohren treffen, denn in der jetzigen Situation wird niemand ein Interesse an einem Mieterwechsel haben. Alles, was eure Liquidität schont, ist jetzt gerechtfertigt.

Fassen wir zusammen: Den Alltag organisieren und die Liquidität sichern – das sind die Aufgaben, die in der ersten Phase der Krise anstehen. Was kommt dann?

In der zweiten Phase geht es darum, die Zeit sinnvoll zu nutzen und sich mit dem eigenen Geschäftsmodell zu befassen. Egal, ob mein Unternehmen schon länger besteht, ob ich gerade erst gegründet habe oder ob dieser Schritt noch vor mir liegt: Die derzeitige Krise ist ein guter Anlass, sich die Frage zu stellen, wie relevant das eigene Geschäftsmodell ist und was zu tun wäre, um diese Relevanz einerseits kurzfristig, aber auch mittelfristig zu stärken.

Gibt es Wege, die Value Proposition anzupassen, sodass ihr auch unter diesen außergewöhnlichen Bedingungen noch Geld verdienen könnt? Überlegt euch, welche neuen Bedürfnisse die Krise schafft. Restaurantgründer könnten auf einen Lieferdienst umstellen. Berater könnten sich online mit ihren Klienten verabreden. Lehrer, Dozenten oder Keynotespeaker könnten Videotutorials und Webinare für die vielen Leute erstellen, die jetzt im Home-Office arbeiten.

Aber auch weniger naheliegende Lösungen sollten bedacht werden. Überlegt euch, welche Kompetenzen jetzt gefragt sind und wo ihr euch einbringen könnt. Die Frage ist: Wie könnt ihr jetzt Menschen helfen und gleichzeitig davon leben? Welche Zielgruppen kommen infrage? Rentner und Beamte zum Beispiel sind mögliche Zielgruppen, die ihr Einkommen weiterbeziehen. Alle Schülerinnen und Schüler sind jetzt zuhause und brauchen Beschäftigungs- und Bildungsangebote.

Unternehmertum in Zeiten der Krise bedeutet nicht, sich durch den Verkauf überteuerter Schutzmasken die Taschen voll zu machen, sondern sinnhafte Lösungen für die anstehenden gesellschaftlichen Probleme anzubieten.

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Ist es denn überhaupt noch sinnvoll, jetzt zu gründen?

Die Frage ist, welche Alternativen es gibt. Wer seine Gründung aufschieben kann, sollte das unbedingt tun. Jetzt ist definitiv nicht der richtige Zeitpunkt, um ein Restaurant oder einen Friseursalon zu eröffnen. Das geht schlicht und ergreifend nicht mehr. Wer aber schon Geld von seinen Investoren bekommen hat, um eine Technologie weiterzuentwickeln, die ein auch heute relevantes Problem der Welt löst, der soll das machen, aber sich überlegen, wie genau sein Geschäftsmodell aussehen soll. Wer eine Idee für ein Geschäftsmodell hat, was gerade in der Krise einen hohen Nutzen bringt, gesetzlich und moralisch möglich ist, der soll jetzt gerade gründen. Es gibt ganz neue Herausforderungen, die wir unternehmerisch angehen müssen. So explodiert gerade die Nachfrage im Onlinehandel. Mitarbeiter*innen von Lebensmittelgeschäften müssen an der Kasse geschützt werden etc.

Die Konsequenz aus der Krise kann aber auch sein, dass ihr euren Traum von der Selbstständigkeit vorerst begraben und wieder in euren alten Beruf zurückkehrt. Vor allem, wer früher im Gesundheitswesen tätig war, wird gute Chancen haben. Aber auch in anderen Branchen gibt es durchaus Bedarf.

Hast du zum Abschluss vielleicht noch eine positive Botschaft für unsere Leserschaft?

Auf jeden Fall: Wir müssen jetzt alle umdenken, aber wir werden diese Krise meistern! Das Wichtigste ist, sich von seinen Existenzängsten nicht überwältigen zu lassen. Denn dann übersieht man naheliegende Lösungen und kann nicht mehr richtig nachdenken.

Die Krise fördert wahnsinnig viele neue Ideen zutage und bietet auch neue Chancen – auch wenn wir diese vielleicht erst langsam sehen.

Nebenberuflich Gründen kann zum Beispiel gerade jetzt, wo viele in Kurzarbeit gehen, eine zukunftssichernde Maßnahme darstellen. Denn wer neben dem Job selbstständig ist oder ein hoch relevantes Geschäftsmodell entwickelt, schafft sich ein zweites Standbein. Und wie wichtig das sein kann, sehen wir gerade in diesen Zeiten.

 

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bhp